DIE BILDERWELTEN DES JONATAN BRIEL

Berlin, Berlin, Berlin (1970) & Kurzschluß (1971)

Filmreihe und Ausstellung

Im Bundesplatz-Kino:
So, 13.09. um 15:30 Uhr

Einführung: Jan Gympel
Zu Gast: Lothar Lambert

Sonntag 13.09.


Berlin, Berlin, Berlin
BRD, 1970 , 35 Min.
Regie/Buch/Schnitt: Jonatan Briel
Kamera: Jörg Jeshel
Mit Adelheid Pickert, Ronald Steckel, Andreas Merkel


Auf Wohnungssuche lernte Briel 1969 die Operndiva Adelheid Pickert (1883-1972) und ihr kleines verwunschenes Gartenhaus in der Blüthgenstraße in Wilmersdorf kennen, in das er umgehend einzog – ein, wie der Mitbegründer des Schwulen Museums Wolfgang Theis schrieb, selbstverständlich gelebtes Beispiel für die „Solidargemeinschaft von Schwulen und exaltierten alten Frauen“. In seinem Film Berlin, Berlin, Berlin räumt Briel Adelheid Pickert und ihrer in der Vergangenheit mäandernden Gedankenwelt viel Raum zur Entfaltung ein: „Montage und filmische Komposition verschieben und inszenieren Adelheid Pickert dabei als Figur der Oper ihres eigenen Lebens. Am Ende bleibt kein geschlossenes Porträt der Sängerin, sondern eine Stimme. Eine Stimme, die summt, erzählt, abschweift und zurückkehrt und sich nur in Fragmenten vervollständigen lässt.“ (Emma Gebbeken in Die Bilderwelten des Jonatan Briel) Zugleich ist Berlin, Berlin, Berlin ein essayistischer Film über Spuren aus der Vergangenheit, das Berlin des Kaiserreichs und des Nationalsozialismus sowie die Gegenwart mit zwei der queeren Subkultur zugehörigen „Leder-Boys“ im Schatten der Berliner Mauer.
Im Januar 1972 zeigt das Kino Arsenal in der Reihe „Neue deutsche Filme“ Briels Berlin, Berlin, Berlin und Kurzschluß von Wolfram Zobus und Lothar Lambert, beides zugleich Berlin-Filme und sensible Porträts von Menschen aus dem je eigenen Lebensumfeld. Briel wiederum besetzte Lothar Lambert in Glutmensch als Darsteller.


Kurzschluß
BRD, 1971, s/w, 18 Min., SD-Video
Regie, Buch, Ton: Lothar Lambert, Wolfram Zobus
Kamera: Wolfram Zobus
Schnitt: Helga Schnurre
Mit Heidegunde, Karl (Lambert: „Die Nachnamen weiß ich nicht mehr.“)

Szenen aus dem Alltag eines älteren Unterschichtpaares im Berliner Stadtteil Wedding. Die durch Zwischentitel gegliederten Impressionen und ebenso stummen Spielszenen werden ergänzt durch einen aus dem Off zu hörenden Dialog zwischen der Frau, die insbesondere über ihr Leben, ihre Leiden und ihre Beziehungsprobleme berichtet, und einem anonym bleibenden Fragensteller.

Die gesamte Handlung wird durch einfache Zwischentitel unterteilt. „Die Straße“: Zu Orgelmusik sieht man Alltagsimpressionen von tristen Straßen, Hinterhöfen, der Berliner Mauer.

Lothar Lambert erinnert sich (2009):
"Wolfram Zobus und ich studierten zusammen, und er wohnte über mir, im Hinterhaus der Liesenstraße 10. Unsere Nachbarn sind in dem Film zu sehen, und das Pärchen, das im Erdgeschoß wohnte, spielte die Hauptrollen. Die dramatische Entwicklung war natürlich Fiktion, aber grundsätzlich wurde die Handlung von ihrem Dasein inspiriert. Was sie so reden, ihre sozialen Probleme, das ist ziemlich authentisch. Der Gesprächspartner aus dem Off ist Zobus. Der hatte den engeren Kontakt, hatte wahrscheinlich vorher schon mal den Kassettenrekorder mitlaufen lassen. Die beiden haben ja gern getrunken, und er war auch nicht abgeneigt, da mitzuhalten. So entstand natürlich Vertrauen.

Das Haus ist später abgerissen worden. Ich bin da schon nach einem Jahr wieder ausgezogen. Es war meine erste eigene Wohnung gewesen, mit Außenklo, und weil meine Eltern die ganz schrecklich fanden, haben sie mir in Grunewald eine Mini-Eigentumswohnung gekauft, in einem ehemaligen Hotel, das gerade umgebaut wurde. Da habe ich dann zwanzig Jahre auf vierundzwanzig Quadratmetern gelebt, aber in luxuriöser Umgebung.

Das Negativ von „Kurzschluß“ lag in Tempelhof auf dem Gelände, wo seit den frühen Achtzigern die alternative Ufa-Fabrik ist. Das Kopierwerk wurde aufgelöst, und es stellte sich heraus, daß dort von dem Film nichts mehr vorhanden war außer der Karteikarte. Ich habe dann 1982 von der einzigen Kopie – nachdem ich ein paar besonders brüchige Stellen herausgeschnitten hatte – ein neues Negativ ziehen lassen."

Nächste BRIEL-Vorstellung:

Sonntag, 20.9. um 15.30 Uhr im Bundesplatz-Kino
L’année dernière à Marienbad / Letztes Jahr in Marienbad (1961, OmU)
F/I, 1961, 94 Min.
R: Alain Resnais
D: Giorgio Albertazzi, Sacha Pitoëff, Delphine Seyrig, Françoise Bertin